Stichproben 1/2001
Editorial
Kein Zeitpunkt wäre besser für den Start einer neuen Zeitschrift als der Frühling im Jahr 1 eines neuen Jahrtausends! Die „Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien“ wird - vorerst mit zwei
Ausgaben pro Jahr - einen Platz in der Szene sozialwissenschaftlicher österreichischer Publikationen einnehmen, der seit Mitte der 1990er Jahre, seit dem Ende der „Zeitschrift für Afrikastudien“, ZAST, leer geblieben ist. An das Team von Afrikanistinnen und Afrikanisten, das die STICHPROBEN redigiert und herausgibt, stellt die Arbeit an dieser neuen Zeitschrift allerdings
andere Anforderungen als sie für eine Redaktion in der Spätphase des Kalten Krieges bestanden.
Der Wettbewerb zweier Supermächte ist der Hegemonie einer einzigen Macht und der von ihr kontrollierten internationalen Organisationen gewichen. Die Positionierung im Feld zweier konkurrierender ideologischer Systeme hat an Bedeutung verloren. „Kapital“ und „Arbeit“ sind nicht mehr die klaren Kontrahenten. Seattle, Prag, Davos sind zwar Belege dafür, dass ein global organisierter Widerstand gegen das internationale Kapital noch konkrete Gegner ausmachen kann, der Erfolg der Aktionen besteht jedoch vor allem in der Erkenntnis, dass nicht nur die Mächtigen vom dichten Netz der neuen Information profitieren, sondern auch der Widerstand. Der Kampf geht weiter, aberdas Ziel wird zunehmend unklarer.
Die Weltrevolution von vorgestern, die sozialen und politischen Utopien von gestern, die Realoszenarios von heute ... Die österreichischen „Realos“ sprechen vom Anteil der Entwicklungsmittel am nationalen Budget von 0,7% als einer lang gehegten Utopie und schlagen vor, das Ziel dem gegenwärtigen Stand anzupassen. Die Tobin-Steuer ist für „Realos“ ein undurchführbares Projekt - statt dessen sollten kleine, nationale Projekte der Besteuerung treten. Die Aufgabe solcher Ziele nutzt nur dem Kapital, das uns immer wieder daran erinnern lässt, dass wir ihm Wohlergehen und Arbeitsplatz zu verdanken haben. Mit der Demontage des Sozialstaats, der Deregulierung, der Akzeptanz des Mythos vom unfähigen und teuren Staat liefern wir uns selbst diesem Kapital aus, als privat Versicherte, verunglückte Aktienspekulanten und Inhaber wenig ertragreicher Papiere. Die globale Entwicklungspolitik degeneriert in diesem Kontext zur Zwangsverwaltung der erfolglosen „Zwei-Drittel“.
Die Enteignung des Südens durch den industrialisierten Norden erfolgt auf immer vielfältigere Art und Weise, und die Ursachen von Armut und Konflikten werden wieder, wie in der Zeit der frühen Kolonisierung, vor allem auf seiten der Betroffenen gesucht. Die Industrienationen tragen keine Verantwortung; sie setzen Konditionen. Mildtätigkeit und paternale Überheblichkeit treten anstelle von Gerechtigkeit; „Menschenrechte“ ersetzen das Recht der Menschen auf eine würdige Existenz.
Die kritische Stellungnahme wird angesichts der Dominanz neoliberaler Konzepte und der subtilen Strategien der globalen Spieler immer schwieriger.Kritische Argumente beantworten diese häufig nicht mit Ablehnung oder Gegenargumenten, sondern mit einer scheinbaren Akzeptanz - „Ja, aber ...“. Meist folgt der Zustimmung im Diskurs die Ablehnung in der Tat. Den Bedürftigen wird etwas versprochen und mittels der vertraglich formulierten Bedingungen anschliessend vorenthalten. Den unbequem Fragenden wieder begegnet man mit der Vereinnahmung ihrer Position und der Umkehrung ihrer Argumente.
Die Experten der Internationalen Finanzinstitutionen setzten Konzepte des kritischen Diskurses in dem von ihnen gewünschten Sinn gegen die Urheber der Konzepte ein - „Empowerment“ oder „Partnerschaft“ sind dafür treffende Belege. Die Weltbank startete vor nicht langer Zeit eine Initiative für „schwer verschuldete arme Staaten“ (HIPC, Heavily Indebted Poor Countries); zahlreichen Staaten wurden beträchtliche Summen zur Begleichung ihrer Schulden zugesagt. Freilich, Geld wird es erst geben, wenn die Schuldnerländer eine Reihe von Bedingungen erfüllt haben, wie den „substantiellen Fortschritt bei der Verwaltung der öffentlichen Mittel“. Zambia, das bereits Erfahrungen mit dieser HIPC-Initiative gesammelt hatte, warnte die anderen Schuldner davor, sich allzuviel Hoffnungen auf das versprochene Geld zu machen. Milliarden an Mitteln der Entwicklungshilfe wurden vergeben, aber nie ausbezahlt, da die Partner im Süden den Konditionen der Partner im Norden nicht nachkommen konnten (oder wollten).
Angesichts des Versagens staatlicher Einrichtungen und der verbreiteten Korruption in Afrika scheint Konditionalität durchaus berechtigt. Und so fliesst immer noch weit mehr Geld aus dem Süden nach dem Norden als umgekehrt. Afrikas Ökonomien haben in den 70er Jahren die überschüssigen Gelder der europäischen und amerikanischen Banken bereitwillig angenommen. Die schlüsselfertigen Industrieanlagen, mit Krediten gekauft, konnten sich nie amortisieren. Vom Ausbau der Infrastruktur im Dienste einer exportorientierten Wirtschaft blieben die Schulden. Der Norden holte sich an Rohstoffen, was er brauchte, und verweigerte die Abnahme anderer Produkte, deren Erzeugung er oft selbst angeregt hatte (wie Zucker oder Rindfleisch aus dem südlichen Afrika). Multinationale Konzerne bemächtigten sich der genetischen Ressourcen und verkaufen den Bauern des Südens ihr patentiertes Saatgut für teures Geld. Als jüngste Variante der Enteignung begegnen wir der selektiven Migration, durch die Mitteleuropa sein Wirtschaftswachstum und seinen Standard der sozialen Versorgung retten will.
Das abgelaufene Jahrhundert hat „Uns“ - es bleibt hier offen, wer dieses „Uns“ ist - eine ungeheure Expansion des Wissens und technischen Könnens gebracht. Zugleich war es das Jahrhundert der schlimmsten Kriege, der grauenhaftesten Verbrechen und der längsten Friedensperioden. Wir haben in dieser Zeit das allgemeine Wahlrecht erkämpft und die Macht auch wieder Diktatoren überlassen. Demokratie war, wenn es uns gut ging; und wenn es uns schlecht ging, hingen wir uns gleich wieder an populistische Gaukler, wahnsinnige Diktatoren oder geldgierige Oligarchen. Den Menschen im Zentrum ging es dabei gut oder schlecht, denen am Rande schlecht oder schlechter.
In seinen Beziehungen zu Afrika hat Europa (genauer der industrialisierte Norden) im „langen 20. Jahrhundert“ - vom Berliner Kongress 1884/85 bis zur Jahrtausendwende - so ziemlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, Macht und Oberhand zu behalten: Listige Verhandlungen und gebrochene Verträge, Gewalt und Bekehrung, Bestechung und Korruptheit, Plünderung und kurzfristig rentable Investitionen, Kredite und teure Geschenke, Wohlfahrt und Ausbeutung der Arbeitskraft, Zivilisation und Exotismus, Assimilation, Assoziation und Ausgrenzung, Verschuldung und Entwicklungshilfe ... Afrikas Geschichte wurde eine Geschichte der Abhängigkeiten, der Vereinnahmung und der einseitigen Beziehungen zu „Partnern“ im Norden.
In einer Zeit, da alle und jede den „Kampf gegen die Armut“ propagieren - von der Basis der internationalen Solidarität bis zu den Direktoren der Weltbank - wird „Umverteilen“ ganz selbstverständlich als „Verteilen des wirtschaftlich Zugewachsenen“ verstanden und dies im eingefahrenen Teilungsverhältnis „Viel für die Reichen und wenig für die Armen“. In einem immer professionelleren Spendenwesen sind immer noch Katastrophenbilder, Lepröse und hungernde Kinder die erfolgreichsten Sujets. Die Mehrheit der Afrikaner/innen, die gewöhnlichen, unscheinbaren Menschen, sind uninteressant. „Das Besondere an Cabo Verde ist, dass es nichts Besonderes gibt.“ Mit diesem Satz wirbt ein Verlag um Käufer/innen eines „Reisehandbuchs“. Damit haben die Erfinder zwar nichts über Kap Verde, jedoch viel über das Bild der Inseln in unseren Gesellschaften gesagt: Wo nicht getrommelt und geschnitzt wird, da ist nicht Afrika, nicht das „wirkliche Afrika“.
Wir erhalten, verglichen mit den ersten Jahrzehnten der „afrikanischen Unabhängigkeiten“, heute mehr Information über „Entwicklungsländer“; eines hat sich dabei allerdings nicht geändert - diese Information ist eine Information des Nordens über den Süden. Afrika hat damit in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, insbesondere in Österreich, in den letzten Jahren ein Image bekommen, das von Armut, Migration und Drogen einerseits, von Musikern, Tänzern und Schauspielern andererseits geprägt ist. Dazwischen gähnt eine bedrohliche Leere.
Als Wirtschaftspartner wird der Kontinent kaum noch zur Kenntnis genommen. Im Tourismus verdecken individuelle, exotische Bilder der verschiedenen Zielländer die gesellschaftliche und politische Realität. Aids und soziale Gewalt haben, wie etwa in Kenya, die Touristen zu Bewohnern von durch Stacheldraht umgebenen Ghettos gemacht. Entwicklungshilfe - unter dem Titel Entwicklungszusammenarbeit - wird noch stärker als in ihren idealistischen Anfangszeiten zur (paternalen) Instanz, die NGOs und Regierungen des Südens kontrolliert. Unsere Medien sind mehr denn je am Absonderlichen und an den Katastrophen interessiert. Die Wissenschaft schliesslich hat es verabsäumt, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse der Öffentlichkeit weiterzugeben, und produziert zudem unter dem Vorwand der „Grundlagenforschung“ häufig an den Bedürfnissen der eigenen und der von ihrer Forschung betroffenen Öffentlichkeit vorbei.
Wir (Afrikanistinnen und Afrikanisten) müssen uns zurecht mit dem Vorwurf der Isolation auseinandersetzen: das Problem des wissenschaftlichen Elfenbeinturms liegt ganz wesentlich in seiner Unzugänglichkeit. Die Turmbewohner sind der Meinung, die Öffentlichkeit hätte sich die Ergebnisse des fleissigen Forschens in eben diesem Elfenbeinturm abzuholen. In Wahrheit besteht eine Bringschuld; die mit öffentlichen Mitteln finanzierte Forschung schuldet ihren „Gebern“ nicht nur Erfolg, sondern auch die (verständliche) Übermittlung der Ergebnisse. Mehr noch: es reicht nicht, der Öffentlichkeit zu berichten; wir müssen Stellung beziehen und Veränderungen erzwingen.
Die Ereignisse der letzten Jahre, vor allem die Verschärfung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Mitteleuropa, fordern von der Wissenschaft klare Stellungnahmen. Die WIENER ZEITSCHRIFT FÜR KRITISCHE AFRIKASTUDIEN ist in diesem Sinne eine Plattform für jene, die sich in der Erforschung wissenschaftlicher Grundlagen und in der praktischen Umsetzung ihrer Ergebnisse mit den Gesellschaften Afrikas und mit der afrikanischen Diaspora befassen. Wir sind Afrikanistinnen und Afrikanisten unterschiedlicher Herkunft und fachlicher Spezialisierung. Unsere Aufgabe ist es, in interdisziplinärer Zusammenarbeit Phänomene und Prozesse in Vergangenheit und Gegenwart darzustellen, ihre Ursprünge offen zu legen, die Akteure und deren Interessen zu beschreiben und kritisch auf die Folgen des Handelns dieser Akteure einzugehen.
Wir sind objektiv, insofern wir die Quellen und Fakten, auf denen unsere Arbeiten aufbauen ebenso allgemein zugänglich machen wie unser methodisches Vorgehen. Wir sind offen, weil wir in intensiver redaktioneller Arbeit unsere Texte allgemein verständlich formulieren und dennoch vermeiden der Plattheit Raum zu geben, die in populären und populärwissenschaftlichen deut-
schen Texten über Afrika so oft die Oberhand gewinnt.
Wir greifen an, denn nur die Formulierung fortschrittlicher Positionen löst einen Dialog aus, der für alle Beteiligten nutzbringend ist. Wir laden ein zum Diskurs, lehnen aber Vereinnahmung und Überheblichkeit ebenso ab wie Rassismus und andere Formen der Diskriminierung.
Unser Projekt ist erfolgreich, weil es zahlreiche engagierte Mitarbeiter/innen auch über den Kreis der Redaktion hinaus gibt, und weil uns von verschiedener Seite Unterstützung frei von jeder Bedingung zuteil wird. Wir danken dafür der Bank Austria, die den Druck und die Fertigstellung dieser Nummer übernommen hat. Weiters danken wir der Firma Boomerang für die Unterstützung in Form einer Freecard-Kampagne und der Studienrichtungsvertretung der Afrikanistik für die finanzielle Unterstützung des Vertriebs. Besonderer Dank gilt Tina Göschl für die Gestaltung des Covers.
Unser Projekt wird weiterhin erfolgreich sein, wenn es uns gelingt, eine hinreichende Zahl aktiver Leserinnen und Leser zu gewinnen, die sich an der Diskussion der vorgestellten Themen beteiligen und neue Themen einbringen. Ihnen ist diese erste Nummer der STICHPROBEN gewidmet.
Walter Schicho und die Redaktion
Articles
"Clintonomics". Die Ökonomisierung der US-Afrika-Politik
Elke Christiansen
Von Medien, Eliten und denen, die keiner fragt... Landreform in Zimbabwe
Birgit Englert
Für Kinder schreiben - Die tanzanische Schriftstellerin Elieshi Lema im Gespräch mit Irmi Hanak
Irmi Hanak
Ursprung des Menschen. Mythos und Wirklichkeit paläoanthropologischer Herkunftsmodelle
Arno Sonderegger
Short Articles
"Molekulares Portrait Brasiliens" - Ein neuer natur-wissenschaftlicher Versuch Unterschiede zwischen Menschen(gruppen) zu bestimmen
Andreas Hofbauer
Assia Djebar: l’écriture ou la recherche de l’identité
Marina Mancinelli
Interkulturelle Kommunikation und partnerschaftlicher Diskurs im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit. Ein Projekt-Bericht
Bea Gomes, Irmi Hanak, Walter Schicho
Authors
Afrikanistin mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Regionalschwerpunkte: Ost- und Zentralafrika. Schreibt derzeit an ihrer Diplomarbeit über „Die Afrika-Politik der Clinton-Administration“.
Studium der Afrikanistik. Forschungsschwerpunkte: Landrechte, Swahili. Regionalschwerpunkte: Zimbabwe, Tanzania. Autorin des in Kürze erscheinenden Buches „Die Geschichte der Enteignungen.
Landpolitik und Landreform in Zimbabwe 1890-2000“, Hamburg: LIT, 2001.
Studium der Afrikanistik an der Universität Wien und der Musik an der Universidade Federal do Rio Grande do Sul, Brasilien. Lektorin am Institut für Afrikanistik und im Wahlfach „Internationale Entwicklung“. Forschungsschwerpunkte: Kreolforschung, Entwicklungsforschung. Regionalschwerpunkte: Kap Verde, Moçambique, Portugal.
Lektorin am Institut für Afrikanistik und im Wahlfach „Internationale Entwicklung“. Forschungsschwerpunkte: Swahili - Sprachvermittlung und Literatur, Kommunikation und Entwicklung, Diskursanalyse, feministische Entwicklungskonzepte. Regionalschwerpunkt: Ostafrika.
Kulturanthropologe. Lehrt an der Universidade Estadual Paulista (Unesp) - Campus de Marília, Brasilien. Autor des Buches „Afro-Brasilien: vom weißen Konzept zur schwarzen Realität - Historische, politische, anthropologische Blickwinkel“, Wien: Promedia, 1995.
Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Rom. Dissertantin der Afrikanistik an der Universität Wien. Regionalschwerpunkte: Tunesien und Ägypten. Lebt zur Zeit in Brüssel, wo sie als Assistentin im Europäischen Parlament tätig war.
Lehrt seit 1972 am Institut für Afrikanistik der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Afrikanische Zeitgeschichte und Entwicklungsforschung. Regionalschwerpunkte: Tanzania, Demokratische Republik Kongo, frankophones Westafrika.
Afrikanist und Ethnologe mit Schwerpunkten Afrikanische Geschichte und wissenschaftstheoretische und -historische Fragestellungen. Diplomarbeit zu „Wurzeln von Kulturellem Zentrismus und Rassismus: Geschichtsphilosophie und Afrika-Bild J.G. Herders“. Derzeit Arbeit an einer Dissertation zum Thema eines vermeintlichen „Afrikanischen Despotismus”.